Irgendwo im Nirgendwo - Skitouren im Kosovo
- 21. Feb. 2020
- 6 Min. Lesezeit
Der Kosovo und Albanien – sie gelten als zwei der ärmsten Staaten des europäischen Kontinents. Aber was heißt schon arm? Dass vielmehr als das reine Geld zählt und was es heißt Gemeinschaft und Zusammenhalt zu (er)leben, durfte ich bei meinem Skitouren-Abenteuer Anfang des Jahres erfahren.

Donnerstag, 30. Januar 2020 - Sonntag, 09. Februar 2020
Sonnige Ankunft in Kosovos Hauptstadt Pristina
Jung, dynamisch, innovativ! So lässt sich in meinen Augen die Hauptstadt des erst 2008 von Serbien losgelösten Landes am besten beschreiben. Kaum vorzustellen, dass hier bis 1999 noch Krieg herrschte!
Ein Grund, der jedoch dafür gesorgt hat, dass über die Hälfte der Menschen im Land 30 Jahre oder jünger sind. Der Lebendigkeit und Gastfreundlichkeit der überwiegend albanisch dominierten Bevölkerung hat dies jedoch nicht geschadet – im Gegenteil. Da wir ein paar Tage vor dem Start unserer Gruppenreise angereist sind, um einen Studienfreund meiner Freundin zu besuchen, dürfen wir die pulsierende Energie und Leidenschaft hautnah miterleben. Man spürt förmlich den Drang der jungen Generation, Neues „aufzusaugen“ und sich eine eigene Identität aufzubauen.

Dass wir zu Beginn am Flughafen nur mit unserem Skisack da stehen und das restliche Gepäck erst über 24 Stunden später durch den hilfsbereiten Kellner im Restaurant unter unserer Wohnung in Empfang genommen wird, wird da ganz schnell zur Nebensache.
Auch unser Tagesausflug nach Prizren, die zweitgrößte Stadt des Landes bestätigt uns in unserem Gefühl, dass hier etwas spannendes Neues entsteht.

Kennenlernen unserer Gruppe – erste Erkundungstour
Nach einem erholsamen Start fahren wir zurück zum Flughafen. Im T-Shirt (!) lernen wir unsere 9 Mann und Frau starke Gruppe bestehend aus 4 Mitreisenden, unserem Guide Wolfi sowie unseren lokalen Guide Deni samt Fahrer „Duki“ kennen. Das wir in den kommenden Tagen nicht Gebrauch von unseren spontan eingepackten Wanderschuhen machen müssen, ist bei dem Wetter kaum vorstellbar. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zu Letzt.

Angekommen am ersten Ziel unserer Reise, dem kleinen Ort Prevalla am Fuße des Sharr Gebirges, kommen unsere Wanderschuhe schneller zum Einsatz als geglaubt. Jedoch nur um die letzten paar hundert Meter zur Unterkunft zu „wandern“, da unser Bus im Verkehrschaos hoffnungslos stecken geblieben ist. Der Grund: Viele Einheimische nutzen den ersten frisch gefallenen Schnee des Jahres für einen Sonntagsausflug. Ein wahrlich faszinierendes Spektakel aus improvisierten Rodelverleih, Selfie-Makern, Winter-Grillern und vielem mehr. Dass der Ort am nächsten Tag wieder wie ausgestorben und wir die einzigen Gäste im Hotel sein würden, konnte sich bei diesem Empfang keiner von uns vorstellen. Willkommen im puren Abenteuer Kosovos!

Erster Tourentag im Skigebiet Brezovica
Am Vortag wurde bereits eine kleine Erkundungstour zum Prevalla Rock unternommen und da das Fazit positiv war, unternehmen wir heute unsere erste Skitour. Vorbei an den in die Jahre gekommenen Liftanlagen Brezovicas, dem größten Skigebiet des Landes, und entlang von kreativen Pistenbegrenzungen erreichen wir bei stürmischen Wind den Berofe auf 2.300m. Wir fahren ins Durloc Tal ab, steigen noch einmal 250 Höhenmeter hinauf und folgen anschließend dem idyllischen Bachlauf zurück zum Parkplatz.

Während es sich ein Teil der Gruppe bei Sonnenschein und Bier inmitten einer Mischung aus Freeridern und albanischen Skitouristen gemütlich macht, lassen sich die anderen eine tuckernde Liftfahrt für nur 3 Euro nicht nehmen, um die Tour noch einmal zu wiederholen. Fast spannender als die Abfahrt selbst ist dabei zu beobachten, wie die einheimischen Gäste in Lederjacke, Sneakers und mit laufender Handykamera im Lift sitzen und voller Begeisterung hoch und wieder runterliften. Irgendwie schräg und zeitgleich super sympathisch.

Unterwegs im Sharr-Gebirge
Heute starten wir gemütlich in den Tag, denn direkt vom Hotel aus steigen wir in unsere Tourenski und machen uns auf den Weg die knapp 1.000 Höhemeter rauf zum Konjuska Peak (2.571m) zu bewältigen. Begleitet von ständigem Wind und einem nimmermüden Straßenhund, den wir kurzer Hand Charly taufen, erreichen wir den Grenzgipfel und werden mit einem endlosen Blick über Mazedonien auf der einen und dem Kosovo auf der anderen Seite belohnt. Auch wenn der Schnee schon etwas schwer und harschig, ist die Abfahrt mit Blick auf die braun gebliebenen Gebirgszüge vor uns ein toller Kontrast. Zurück im Hotel werden wir dann wieder zusätzlich mit einem ausgiebigen und gemeinsam geteilten Abendessen aus Ziegenkäse, Ajvar, eingelegten Paprika, ganz vielen Fleischsorten und vielem mehr belohnt.

Der Sturm zieht auf – Weiterfahrt nach Dragash
Als wir am Morgen aufwachen, müssen wir unsere Augen zweimal reiben. Das am Vortag bereits angedeutete Tief aus dem Mittelmeerraum hat über Nacht seine volle Kraft entwickelt und uns wortwörtlich eingeschneit. Eine Skitour bei den Verhältnissen? Fraglich. Dennoch wagen wir uns raus in die klirrende Kälte, um Richtung Prevalla Rock (2.050m) aufzusteigen. Vergeblich! Bei Schneeböen um die 60km/h und mit eiskalten Händen kehren wir kurz vor dem Gipfel um und ziehen wenigstens ein paar frische Lines in den Schnee. Vielmehr freuen wir uns aber auf den lodernden Kamin und eine Tasse Chai im Hotel.

Den restlichen Mittag verbringen wir mit Kartenspielen und helfen dabei die letzten Meter der Straße freizuschaufeln. Nach einem kurzen Telefonat unseres Guides Deni mit dem Verkehrsminister erhalten wir das Go!, dass alle Straßen zu unserem nächsten Etappenziel frei sind. Für einen kurzen Zwischenstopp in der schönen Altstadt Prizren und den süßen Verführungen in Form von Bananen-Schoko-Kuchen, Baklava oder Kadaif bleibt jedoch noch Zeit. In der Dunkelheit erreichen wir letztlich Dragash, dem Zentrum der Goranen, einer eigenständigen stark muslimisch geprägten Volksgruppe. Bier gibt es vor Ort entsprechend keins, dafür aber ein unglaubliches geschmackvolles Halal-Abendessen.

4x4 Fahrt und Urban Skiing
Unserem Minibus geben wir heute nochmal einen Tag Ruhe, denn Deni hatte kurzer Hand unseren Hotelchef Ismael überzeugt uns mit seinem 4x4 inklusive Schneeschieber ins 4,5km entfernte Bergdorf Radeshë zu bringen, um auf den Berg Maja zu steigen. Nach einem Kilometer ist aber bereits Schluss und wir überqueren die meterhohe Schneeverwehung via Tourenski. Aufgrund des noch zu starken Sturms erreichen wir den Gipfel zwar nicht, aber der heutige Tag wird uns allen noch lange in Erinnerung bleiben. Denn wer kann schon von sich behaupten im Tiefschnee, vorbei an den überraschten Bewohnern durch ihr Dorf gestapft zu sein, um wenige Stunden später auf Skiern wieder hindurch gefahren zu sein?

Da auf dem Rückweg die Serpentinenstraße immer noch nicht vom Schnee befreit ist, fahren wir vorbei an Leitplanken den kompletten Weg zurück nach Dragash bis vor die Tür unseres Hotels. Die gegenüberliegende Bar wird spontan zur „Apres Ski Bar“ umfunktioniert, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen und wieder mal sind nicht wir diejenigen, die zuerst Ihre Handykameras zücken, sondern vielmehr die vollauf begeisterten Einheimischen selbst.

Zeit für Plan B
Ursprünglich stand für heute das Valbona Tal auf dem Plan. Doch aufgrund der unzureichenden Schneeverhältnisse und in Absprache mit der gesamten Gruppe disponieren wir um, bleiben noch einen Tag länger in dieser herzigen Gegend und planen für den Abend den Grenzübergang nach Albanien ins Bergdorf Radomirë. Doch zunächst starten wir heute fast schon gewohnt durch die schneebedeckten Gassen des Ort Brods und erreichen wenige Stunden später den dritten Gipfel unserer Skitourenwoche, den Kachina Glava auf 2.207m. Immer wenn die Wolken den Blick aufs Seitental freigeben, bietet sich uns ein atemberaubender Blick auf eine für uns unwirklich erscheinende Landschaft. Sie erinnert teilweise eher an Reisterrassen und man hat wahrlich das Gefühl in einer anderen Welt unterwegs zu sein.

Zurück in Dragash packen wir schnell unsere Sachen, denn aufgrund der noch immer bescheidenen Straßenverhältnisse benötigen wir fast doppelt so lang für die heutige Fahrtstrecke über die Grenze. Einen magischen Sonnenuntergang über Prizren und einer Anschubhilfe inklusive einer kleinen „Driftfahrt“ am letzten Anstieg später, erreichen wir das einfache, aber saubere Gästehaus für die heutige Nacht.

Queen Korab – ein wahrlich erhabenes Highlight zum Schluss
Die Nacht war kalt und sich aus den zwei Wolldecken in die Skischuhe zu zwängen fällt schwer. Der warme Holzofen und die heiße Schoki helfen und gegen 8 Uhr die Felle aufzuziehen und in gewohnter Manier durch den von Wolfi frisch gespurten Schnee Ski für Ski und Meter für Meter Richtung Gipfel aufzusteigen.

Am Ende des Tages werden es um die 1.500m sein, bis wir durch schneebedeckte Kiefernwälder, über gefrorene Flussläufe und in ständiger Begleitung der wärmenden Sonne und des klaren Himmels die 2.764m des Berg Korabs erreichen – der höchste Berg Albaniens und Mazedoniens! Mit Sicherheit die schönste Tour der gesamten Woche. Schweißtreibend, am Rande der körperlichen Grenzen, atemberaubend – und jede einzelne Sekunde wert! Bilder sprechen hier mehr als 1.000 Worte.

Tag 8: Abschied nehmen – Mirupafshim und Falemenderit!
Für die letzte Nacht haben wir in Gjakova in einem super schicken Hotel übernachtet. Sich nach den Anstrengungen der letzten Tage entspannt zu erholen, fiel hier definitiv nicht schwierig. Ein letztes Mal dürfen wir feinste albanisch Küche und ein überschwängliches Frühstück genießen, trinken noch einmal Peja und Rakija und lauschen der enthusiastischen albanischen Volksmusik, bevor wir wehmütig den Flieger in Richtung Heimat betreten.

Was neben all der bezaubernden Landschaft während dieser Reise heraussticht, ist aber vor allem die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der hier lebenden Menschen. Auch wenn wir teilweise keine 24 Stunden vor Ort waren, fühlt es sich wie beispielsweise beim Gasthaus in Radomirë beim Abschied so an, als ob wir schon zigmal dar gewesen wäre. Die schwierige Vergangenheit hat die Menschen zusammengeschweißt, man hält zusammen und freut sich über jeden Reisenden, der sich traut in ihre Region zu reisen, um einen Eindruck von ihren faszinierenden Landschaften sowie ihrer spannenden Kultur und Lebensweise zu gewinnen.
Fazit: "Die Begegnungen bestimmen das Reisen, nicht das Ziel!“
Mehr Bilder findet ihr hier in der Galerie.























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